wider den Massentourismus
und dessen geschäftliche Verwertung
trade curses
every thing
it handles; and though you
trade in messages from
heaven, the whole curse of
trade attaches to the business
Henry D. Thoreau
Die Frage nach Nutz und Schaden
des Tourismus ist alt und oft debattiert worden. Sie erinnert mich an Debatten
über den sogenannten ältesten Beruf der Welt, und ist mit diesem ja auch
thematisch verwandt, denn sowohl das Reisen als auch der
Geschlechtstrieb
sind angeborene Instinkte des Menschen; wie Jean Paul es auf den Begriff
brachte: Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt
das Leben Reisen ist. Und der Tourismus macht aus
dem Urbedürfnis nach Reisen ein Geschäft, wie der Sexhandel ein Geschäft
aus der Liebe macht. Kein Problem vielleicht, sofern alle Beteiligten zufrieden
sind. Problematisch wird die Sache aber spätestens dann, wenn zuhälterische
Gauner sich zwischen den unmittelbar Beteiligten breitmachen...
Zu schön wäre's, in Ehrlichkeit und Frieden das täglich Brot verdienen zu
können! Aber nein, das kann ja nicht angehen, da muß doch jemand das ganze
Geschäft an sich reißen, die Kollegen in ein faktisches Abhängigkeitsverhältnis
zwingen und sich zum Boß aufspielen.
Man sagt mir, dies geschehe in jeder Branche und an jedem Ort; nun, aus
eigener Erfahrung weiß ich, daß es unter den Fremdenführern geschieht, die
in Städten wie Siena, Pisa oder Florenz eine regelrechte, angesehene Berufsklasse
bilden.
In Siena etwa gab's in den Jahren kurz vor 2000, als ich die amtliche Zulassung
für den Beruf erwarb, einen Herrn, der zwei Läden am Campo besaß und betrieb:
in einem beschäftigte er seinen Sohn, in dem andern seinen Bruder, während
er den Fremdenführer auf englisch und deutsch spielte, wobei seine Läden
natürlich entweder Start oder Ziel jeder Führung waren. Das städtische Fremdenverkehrsamt
(das heute APT heißt) leitete ihm grundsätzlich jede Buchung oder Anfrage
weiter, obwohl er notorisch dem alten Faschismus nachtrauerte, während das
Fremdenverkehrsamt in Siena eine Domäne der Sozialistischen Partei (PSI)
war: das sind eben Rätsel der hohen Politik, die unsereiner niemals zu begreifen
vermag. Wie auch immer, dieser Mussolini-Nostalgiker in seinem untadeligen
Anzug (ihm fehlten nur noch die Gamaschen und die Beule in der Jacke) war immer mit Touristengruppen
unterwegs, selbst an eisigen Wintertagen, wenn die Gassen stiller sind,
hörte man in Siena seine gesetzte, eintönige Stimme immer die gleiche Leier
vorplappern. Im Frühjahr und Herbst aber, wenn der Massentourismus die Stadt
überflutete, hatte er bis zu vierzig, fünfzig Gruppen am Tag und konnte
sie unmöglich alle selber führen (vier oder fünf Halbtagsführungen am Tag
brachte er immerhin zustande!). Also mußten die Kollegen dran, zugelassene
oder auch nicht: Hauptsache, sie befolgten strikt seine Anweisungen.
Ja, glauben Sie denn, er hätte den Kunden gesagt: Tut mir leid, bin
ausgebucht, wenden Sie sich an die Kollegen? Ich antwortete nämlich
so an den seltenen Tagen, an denen ich ausgebucht war. Er dachte nicht daran.
Er nahm alles an und verteilte es weiter nicht gebührenfrei, versteht
sich. Und vor allem wollte er bestimmen, wo die Führung startete, wo sie
endete, wie lange sie dauerte, wieviel sie kostete usw. Wohl nicht von den
überwiegend weiblichen Kollegen, aber von mir verlangte er manchmal sogar,
daß ich den Kunden weismache, ich sei er selbst, so wenig ich ihm in jeder
Hinsicht ähnelte. Zwei oder drei Jahre lang fügte ich mich, wie alle; dann
beschloß ich: entweder auf eigenem Fuß oder gar nicht!
Wie in den Streiks auch geschieht, nutzte meine Verweigerung wenig, weil
alle Andern sich weiterhin fügten. Später bildeten sie einen Berufsverband
(Associazione Guide Turistiche), der aber nicht im Entferntesten
daran dachte, dem Boß die Zusammenarbeit zu kündigen: sie nahmen ihn vielmehr
in den Verband mit auf und gaben ihm somit sogar eine demokratische Legitimierung;
die konkreten Machtverhältnisse blieben unverändert. Wer an die Kunden heranwollte,
war auf seine Gnade (und auf jene von ein paar Damen, die sich an ihm ein
Beispiel nahmen) und auf seine Befehle angewiesen: alle machten mit, auch
sämtliche Deutschen, die in Siena und Umgebung von dem Beruf leben. Denn
die größten deutschen Reiseagenturen, etwa Grimm oder DER (um nur zwei der
größten zu nennen) bedienen sich in Siena jenes Gauners und in den andern
Städten von seinesgleichen: solche Bosse, welche die ganze Branche an einem
Ort beherrschen, erscheinen ihnen offenbar solider und zuverlässiger als
der einzelne, ehrliche Berufausübende. Zweifellos soll in freier Marktwirtschaft
jeder Kunde frei entscheiden, wessen Dienstleistung er in Anspruch nimmt.
Nicht zugelassene Führer dürfen allerdings den Beruf nicht ausüben, und
viele der Stuntmen, die der Oberführer tagtäglich beschäftigte,
waren eben nicht zugelassen, während ich trotz meiner Zulassung unbeschäftigt
blieb, weil ich als Einziger dem selbsternannten Boß den Gehorsam verweigerte.
Im Jahre 2002 setzte ich der Gemeindepolizei (die für den Tourismus zuständig
ist) die gesetzliche oder vielmehr ungesetzliche Lage auseinander; der Leutnant
fiel aus allen Wolken und versprach, mit der Stadträtin zu reden (warum
eigentlich reden? warum nicht einschreiten?) und mich dann das Ergebnis
wissen zu lassen. Doch von den Behörden habe ich nie wieder etwas gehört.
Dafür bekam ich einen Anruf vom Obergarst selbst, der sich als großen Freund
der Frau Rätin bezeichnete, aber auch als großen Freund und Gönner von mir,
den er sich zum Mitarbeiter wünsche. Ich hängte den Beruf an den Nagel;
meldete sogar das Telephon ab.
Also liebe Leute, reist und wandert nach Herzenslust, aber bitte individuell,
ohne Reisebüros, ohne Fremdenverkehrsämter, ohne berufliche Dienstleistungen
in Anspruch zu nehmen. Und gebt nicht so viel Geld aus, denn immer, wenn
ein Geschäft üppig blüht, ist in der betreffenden Branche mit der Ehrlichkeit
vorbei.
Versucht bitte die Toscana als eine schlichte Feldblume zu genießen, ohne
sie zu pflücken oder sie wird bald nur noch aus Kunststoff bestehen.
Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un europeo fuori dal coro.
Marco Bucciarelli, il toscanaccio: ein unangepaßter Europäer.
Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un Européen hors du troupeau.
www.toscanaccio.eu