Wahrzeichen
Was wäre die Toscana ohne Zypressen? Ihre sonstigen Vorzüge unangetastet, sähe sie anderen Landschaften zum Verwechseln ähnlich aus, etwa Umbrien. Aus welcher Windrichtung wir die Toscana auch betreten, unser Ohr erkennt sie an der unverwechselbaren Sprache der Bewohner, unser Auge aber zu allererst an den Zypressen — ehe noch die Kunstschätze, die alten Kulturzentren wahrnehmbar werden. À propos Sprache: ich bin so frei, Toscana mit C zu schreiben und hätte Lust, noch Cypresse zu schreiben, wie auch im Deutschen bis vor nicht allzu langer Zeit (100 bis 200 Jahren) üblich. So schrieb beispielweise auch Goethe, der die Schönheit dieser Bäume und zugleich jene der Sprachen zu schätzen wußte...

Schönheitsmetapher
Ob uns auch breite oder schmale Hüften als Schönheitsideal vorschweben, wir alle können die persische Umschreibung einer schönen Frau, ja eines schönen Menschen überhaupt als wandelnde Cypresse (so Goethe im West-östlichen Divan) gut nachvollziehen und nachempfinden. Ob breit- oder schmalhüftig, Zypressen sind immer eine Augenweide.

Namenzauber
Als wandelnde Zypresse im wahrsten Sinne des Wortes muß sich die römische Kaisergattin Herennia Cupressenia Etruscilla (249-251 n.Chr.) empfunden haben, wenn sie über ihren eigenen Namen je nachgedacht hat (und welcher intelligente Mensch tut es nicht?): sinngemäß hieß sie doch Herennia Zypressige Etruskerin! Selbstverständlich könnte ihre Leibesbeschaffenheit ebenso wenig an eine Zypresse erinnert haben, wie irgendeine Frau Lindt einer Linde ähnlich sieht... Da aber nichts Näheres über Herennias Aussehen überliefert ist, stellen wir sie uns doch zierlich und dunkel vor, schlank bis zur Biegsamkeit, still und etwas schwermütig, mit dunklen krausen Haaren und großen tiefen Augen: zwar Kaiserin der Welt in der Metropole der Antike, aber voller Sehnsucht nach den grünen, zypressenbewachsenen Hügeln Etruriens (also der Toscana), deren Erinnerung sie doch im eigenen Namen trug. Herennia Cupressenia Etruscilla ist übrigens nicht die einzige historische Persönlichkeit, die nach dem schlanken Baum benannt wurde. Nach schriftlicher Überlieferung aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert habe König Anuschavan von Armenien (um 800 v.Chr.) den Beinamen die Zypresse geführt, nachdem er in dem Zypressenhain gekrönt worden sei, den der Gründer der ersten armenischen Dynastie um 2026 v. Chr. angepflanzt hatte. Dort entnahmen Priester günstige oder ungünstige Vorzeichen daraus, ob sanfter oder heftiger Wind durch die Wipfel fuhr.


Götterbaum
In den indischen Vedas und in Dichtungen aus Kaschmir heißt die Zypresse "Gottesbaum" (devadaru), und die Orakelbäume, die Alexander d.Gr. in Indien befragte, werden in der Alexandersage ausdrücklich als zypressenähnlich bezeichnet. Im antiken Nahen Osten galt die Zypresse als Symbol der höchsten Göttin: Griechen und Römer nannten sie meistens asiatische Aphrodite oder Dea Syria und verwechselten sie oft mit der phrygischen Göttermutter und Fichtengöttin Kybele. In Babylon hieß sie Ischtar, in Phönikien Astarte, in Syrien Atargatis, bei den Arabern Allat, in Palmyra Baltis, in Kleinasien Rhea, doch überall scheint die Zypresse die beliebteste Verkörperung gewesen zu sein, in der sie verehrt wurde. Ein in Rom aufbewahrter und mit lateinischer sowie palmyrenischer Widmung beschrifteter Altar zeigt auf der Vorderseite Baal als Sonnengott, auf der hinteren eine Zypresse, um deren Gipfel ein Kranz gelegt ist und aus deren Laub ein Kleinkind heraussteigt; da der Kranz ein Zeichen von Unsterblichkeit war, wird dieser Baum als Sinnbild der Göttin Baltis, das Kind als ihr und des Baal Sohn Eros gedeutet. Ein anderes marmornes Basrelief zeigt Palmyras Mondgott Aglibolos, den Sonnengott Malachbelos (d.h. "König Baal") und in der Mitte zwischen beiden die göttliche Zypresse. In einem heute in Paris befindlichen kleinen bronzenen Votivthron aus Syrien sind auch die beiden männlichen Götter zur Seite der Himmelsherrscherin als Zypressen abgebildet. Aus dem römischen Syrien und Phönikien ist uns das Bild der auf einem würfelförmigen Altar stehenden Zypresse mehrfach erhalten; auf einem davon im Louvre knien zwei Menschen im Gebet vor dem Baum. Alle in römischer Zeit auf der phönikischen Insel Arados geprägten Münzen tragen auf dem Avers das Bild des Kaisers, auf dem Revers eine Zypresse (Astarte) zwischen einem Löwen (Sonne) und einem Stier (Mond). Die gleiche heilige Dreieinigkeit, außer daß der Mond von einem Pferd versinnbildlicht wird, findet sich auf Münzen aus Damascus, wo auch welche geprägt wurden, die Silenos/Faunus in Anbetung der Zypresse zeigen. Auf Münzen aus Heliopolis am Libanon steht eine Zypresse über einer Tempeltreppe an der selben Stelle, wo andere Münzen die Statue der Astarte oder ihren kegelförmigen heiligen Stein setzen. Von Beirut nimmt man an, daß dieser Ortsname etymologisch Zypressenstadt bedeute. Aber auch weit ältere Bildzeugnisse aus babylonischem Raum zeigen immer wieder eine oder mehrere Zypressen inmitten von Kultszenen, z.B. vor Tempeln des heiligen Feuers, mit dem die Flammengestalt des Baums vermutlich in Zusammenhang gebracht wurde.

Langlebigkeit
Als Zoroastres den persischen König und Hof überredete, zu seinem Bekenntnis überzutreten, pflanzte er zum Gedenken eine Zypresse vor sein Feuerheiligtum zu Keshnar: es war das Jahr 588 v. Chr.
Die Zypresse wurde 861 nach Christus vom fanatischen muslimischen Kalifen al-Mutawakkil gefällt.


Trauerbaum
Matriarchat war den Indoeuropäern, z. B. Griechen und Römern, so fremd, daß sie keine Entsprechung für die große asiatische Göttin in ihrem Olymp hatten. Die Zypresse wurde in Europa an einem Ort Liebesbaum der Aphrodite und am nächsten Trauerbaum der Demeter. In letzterer Eigenschaft taucht sie bei Vergil zweimal in der Aeneis auf: an einer Stelle ist von einer alten, seit undenklicher Zeit verehrten Zypresse bei einem Ceres-, d.h. Demeter-Tempel die Rede; an der anderen werden Zypressenzweige bei einer Trauerfeier verwendet. Solche Gebräuche waren weit verbreitet, obwohl über ihren Ursprung Unklarheit herrschte: der Vergil-Kommentator Servius etwa führte die Trauersymbolik der Zypresse darauf zurück, daß diese mit unzulänglichen Wurzeln ausgestattet sei (sie gehen nämlich in die Breite und nicht in die Tiefe)! An einer weiteren Stelle der Aeneis werden Zypressen allgemein als zu Diana gehörig bezeichnet; darunter müssen wir Artemis verstehen, genauer wird die Artemis von Ephesos gemeint sein, die viel mehr asiatische Wesenszüge als die griechische Artemis hatte. Auf zwei römischen Münzen ist der Eingang des Artemis-Tempels im kleinasiatischen Perge zu sehen, vor dem der kegelförmige Stein der Astarte zwischen zwei Zypressen steht. Die Tür des Artemis-Tempels in Ephesos war aus Zypressenholz, und in der Nähe stand ein Zypressenhain namens Ortygia, worin sich wieder ein Tempel befand mit Skopas' Statuen der Latona und der Nymphe Ortygia, die auf jedem Arm ein Kind, also die kleinen Artemis und Apollon trug. Auf diesem Weg, über seine Schwester Artemis, wird der griechische Apollo, der bereits Gott des Lorbeerbaums war, auch Gott der Zypresse geworden sein.

 

Wenn der Ortsname Beirut sich wahrscheinlich von der Zypresse ableitet, so berichtet Plinius, der ältere Name der Insel Samos habe Kyparissia, also ebenfalls nach der Zypresse gelautet, und zahlreich waren die Städte, die gleich oder ähnlich hießen und beanspruchten, Schauplatz des Kyparissos-Mythos gewesen zu sein. Diesen läßt der römische Dichter Ovid stattdessen auf der Insel Keos spielen, auf alle Fälle handelte es sich um eine liebliche ländliche Gegend, an der man sich die idyllische Begegnung von Natur und Kultur gut vorstellen kann. Ein mächtiger Hirsch lebte hier, ehrfurchtgebietend sein Geweih, doch zahm sein Verhalten: er ließ sich von Menschen, auch Fremden, den Hals streicheln, an dem er sogar ein Schmuckkettchen trug, und näherte sich oft den Häusern. Von allen gern gesehen, wurde er vom Jüngling Kyparissos besonders geliebt, der ganze Tage mit ihm verbrachte, ihm Blumen ums Geweih flocht und ihn sogar ritt. Doch eines Tages im Juli ruhte der Hirsch in der Mittagshitze ungesehen im schattigen Gebüsch, und Kyparissos durchbohrte ihn ahnungslos mit dem Speer. Sobald er merkte, wen er erlegt hatte, wurde der Wunsch in dem Jüngling unbezwingbar, selber zu sterben. Niemand und nichts, nicht einmal Apollo konnte ihn umstimmen. Er wünschte mit solcher Inbrunst, ewig trauern zu dürfen, daß die Götter es ihm schließlich gewährten. Sein vor Weinen blasses Antlitz verfärbte und verformte sich, das eben noch hängende Haar wurde struppiger, die ganze Gestalt richtete sich nach und nach zur Zypresse erstarrt zum Sternenhimmel. Apollo aber seufzte und sagte ihm: Ich werde um dich trauern, der du um Andere trauerst und allen Trauernden ein Trost geworden bist. Damit erhielt der Bedeutungswandel der Zypresse von Sinnbild der allbeherrschenden Weiblichkeit hin zu Apollons Trauerbaum literarische Sanktion. Das Matriarchat, auf Erden längst abgeschafft, wurde nach und nach auch aus dem Himmel verdrängt. Allem, was als weiblich empfunden wurde, blieb die Trauer, die Innerlichkeit, das Kontemplative, bar jeder Machtsymbolik, die es innegehabt hatte.

Baum der Erkenntnis
Apollon, der ferntreffende, der unfehlbare Bogenschütze, ist ein zwiespältiger Gott. Seine Pfeile sind Lichtstrahlen, die sowohl vernichten als auch beleben können: in jedem Falle erhellen sie, was sie treffen. Andere Götter gaben den Menschen zehn Gebote, Apollon aber ein einziges: Erkenne dich selbst! Mit ihm wurde klarer Verstand, wurde Aufklärung vergöttlicht. Vergleicht man ihn mit anderen Göttern, so kann kein Zweifel sein, was die besondere Art seiner Größe ist. Es ist die Hoheit des Geistes. Als überlegene Geistigkeit offenbart sich in ihm das Göttliche — schrieb Walter Otto 1925. Erkenntnis fordert allerdings Trauerarbeit. Der heidnische Mensch stellte sich dieser Forderung, sah den Zusammenhang zwischen Erkenntnis, Trauer, und Schönheit, die das Wesen Apollons ausmachten und durch die Zypresse symbolisiert waren. Der apollinische Geist der Heiden verdrängte die Trauer nicht aus dem Leben und verdrängte den Trauerbaum nicht aus der Landschaft. Doch Erkenntnis ist ihrer Natur nach eine Sache für Wenige, und die Vielen setzten schließlich einen neuen, fremden Gott durch, der Unwahrscheinliches versprach, wenn man ihm nur unhinterfragt glaubte und gehorchte. Anstatt dem Menschen Erkenne dich selbst! zu sagen, verbot er ihm, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu pflücken. Das Zeitalter des blinden Glaubens, der Intoleranz und der geistigen Armut brach an: schlechte Zeiten für den Gott der Selbsterkenntnis! Sein Trauerbaum wurde aus der Landschaft verdrängt. Keine einzige Zypresse ist auf den toscanischen Lehmhügeln zu entdecken, die auf den mittelalterlichen Fresken und Tafeln von Simone Martini, den Brüdern Lorenzetti, von Bartolo di Fredi und Sassetta dargestellt sind, während pompeijanische Wandgemälde durchaus liebliche Landschaften mit Zypressen zeigen. Trotz metaphysischer oder allegorischer Intention der mittelalterlichen Künstler sind Details oft realistisch genug, daß wir Ortschaften und sogar einzelne Gebäude wiedererkennen; es ist nicht einzusehen, daß Zypressen nicht mit abgebildet worden wären, wenn sie schon damals wie heute auf den Hügelrücken gestanden hätten... Die Erklärung ihres Fehlens in der bildenden Kunst des Mittelalters liegt darin, daß der Trauerbaum in christlicher Zeit nur um Friedhöfe geduldet wurde, die abzubilden als geschmacklos galt.

 

die Tür zur Hirschgöttin und jene zum Hirschheiligen

Wie bereits erwähnt, ist es überliefert, daß die Flügel der Tempeltür zu Ephesos aus Zypressenholz waren, und daß dieser Baum in einem besonderen Verhältnis zur Apollonschwester Artemis stand. Ihr heiliges Tier war, bekannter noch als das Pferd und der Bär, der Hirsch, dessen Beziehung zur Zypresse die Grundlage des Kyparissosmythos bildet.
Mittelalterlicher Überlieferung nach waren auch die Türflügel der Abtei Saint Gilles (Gard) aus Zypressenholz. Und wer wurde darin verehrt? Ein Grieche natürlich, nämlich der heilige Aegidius, der im Zivilstand in der Römerstadt Arles, später als Einsiedler am Rhôneufer lebte, wo er von einer Hirschkuh täglich ernährt wurde, bis ein Gothenkönig diese und den Einsiedler selbst mit einem Pfeil tödlich verletzte. Aus Reue stiftete der ungestüme, doch gutherzige Barbar die Abtei, in dem der Grieche begraben und verehrt wurde... Und die Hirschkuh? Wurde etwa auch sie dort verehrt? Warum betonen die mittelalterlichen Autoren so sehr den Umstand, daß die Türflügel aus Zypressenholz und wunderbaren Ursprungs waren? ...duo cypressina ostia, praelatorum imaginibus apostolorum insculpta, a Romana urbe usque ad Rhodani portum per marinas undas sine aliquo regimine, solo potenti imperio suo perveniunt... Welche heilige oder abergläubige Verbindung bestand noch zwischen Hirsch und Zypresse nach tausend Jahren Christentum?

toscanische Künstler brachten sie nach Katalonien

Die wenigen mittelalterlichen Darstellungen von Zypressen sind zwar realistisch im Detail, betten den Baum aber ausschließlich in erfundene oder symbolische Landschaften ein, denn in der christlichen Wirklichkeit war er auf die Totenäcker verbannt, die grundsätzlich nicht abgebildet wurden. Eine besonders schöne, trecenteske Zypressendarstellung ist mir in Katalonien begegnet: die Reliefs um die Madonnenstatue Maria Blanca in Sant Joan de les Abadesses muten so toscanisch an wie nur je eine von Goro di Gregorio oder Giovanni Pisano gemeißelte Platte, nur leicht unbeholfener in der Gestik der Figuren, und tatsächlich werden sie unbekannten einheimischen Bildhauern zugeschrieben, die ihr Handwerk von reisenden toscanischen Meistern gelernt hätten... Gehörte demnach die Zypresse zu den Bildmustern, die aus der Toscana stammten? Wahrscheinlich; wahrscheinlich war die Zypressensilhouette ein Stück Heimat, das man mit auf die Reise nahm. Indessen ist die Darstellung der Zypresse so viel realistischer als etwa die arg mißlungene Palme, daß die katalanischen Künstler sich vielleicht mit dem Muster nicht begnügten, sondern sich selbst um die Friedhofsecke umsahen.

Genau genommen sind die Zypressen der Toscana ein Kulturprodukt nicht minder als ihre Türme und Kastelle, und sogar ein neueres. Nach vielen unterdrückten Auflehnungen der Vernunft, konnte der antike Geist nämlich erst im XV. Jahrhundert einzelne Teilerfolge verzeichnen, erst die grandiose ästhetische Revolution der Renaissance wagte es, nicht nur nackte oder ausgesprochen heidnische Bildsäulen zu errichten, sondern auch eine Tabu-Erscheinung wie die Zypresse wieder in der Landschaft aufzustellen. Das Tabu wurde freilich nur von den oberen Klassen, den Villenbesitzern als obsolet empfunden; die Zypresse wurde zum Gartengewächs und konnte sich in der Toscana verbreiten, weil die Toscaner, wie Giacomo Leopardi um 1790 notierte, ihr ganzes Land zum Garten gemacht hatten. Für die Bauern und die unteren Klassen blieb die Zypresse bis tief in das XX. Jahrhundert hinein, was sie außerhalb der Toscana heute noch ist, nämlich der Baum der Toten, den man besser auf die Friedhöfe einschränkt. Als solchen müssen sie auch die romantischen Reisenden des XIX. Jahrhunderts empfunden haben (vgl. Arnold Böcklins berühmtes Bild Die Toteninsel, 1880 in Florenz entstanden, und Böcklins Grab von Ferdinand Keller, 1902, heute in der Staatl. Kunsthalle in Karlsruhe), mit dem Unterschied, daß sie eine Landschaft umso mehr begeisterte, wenn diese nicht nur mit baulichen Altertümern, sondern dazu noch mit den Bäumen der Toten dekoriert war. In der Toscana allerdings, dem Land, in dem vierhundert Jahre zuvor die große kulturelle Auseinandersetzung stattgefunden hatte, konnte die Zypresse wieder getrost als Siegeszeichen des Geistes angesehen werden.

Lebensbaum
Arthur Schopenhauer hatte den Gedanken, daß uns an den Pflanzen das Aufrechte gefalle und erfreue, das gegen die Schwerkraft ankämpfe: an diesem Widerstreben gegen das Gesetz der Schwere, schreibt er, kündigt sich unmittelbar das Phänomen des Lebens an, als eine neue und höhere Ordnung der Dinge. Wir selbst gehören dieser an: sie ist das uns Verwandte, das Element unsers Daseyns. Dabei geht uns das Herz auf. Zunächst also ist jene senkrechte Richtung nach oben, wodurch der Anblick der Pflanzenwelt uns unmittelbar erfreut: ein umgehauener Baum wirkt nicht mehr auf uns; ja ein sehr schräge gewachsener schon weniger, als der gerade stehende: die herabhängenden, also der Schwere nachgebenden Zweige der Trauerweide, haben ihr diesen Namen verschafft. Schopenhauer geht nicht weiter auf die einzelnen Baumarten ein; doch wenn das Vertikale an den Pflanzen das ist, was unser Herz erfreut und an den Widerstand des Lebens gegen die Schwere erinnert, dann welcher Baum könnte uns mehr erfreuen als die Zypresse? Keine Freude gleicht dem Aufruhr, sagt uns ihre ganze Gestalt und flößt uns doch Ruhe ein.

langer Lulatsch
In seinem antiken Handbuch der Traumdeutung faßt Artemidorus Daldianus die Cypresse als Sinnbild der Langsamkeit auf: ihre äußere Erscheinung assoziiert er offensichtlich mit jenen stillen, auffällig hochgewachsenen Menschen, welche die Ruhe weg haben. Dabei wächst die Cypresse unter günstigen Umständen keineswegs langsam, ganz im Gegenteil: weit schneller etwa als die Eiche, vom Ölbaum ganz zu schweigen.

 

Flexibilität
Tacitus berichtet, daß einmal auf Ländereien des nachmaligen Kaisers Vespasian eine Zypresse prociderat, was gewöhnlich mit war umgestürzt verdeutscht wird; am Tag darauf stand die Zypresse aber wieder aufrecht und grünte und gedieh üppiger als zuvor — was dem Grundbesitzer als gutes Omen ausgelegt wurde. In Wahrheit war sie wohl nicht umgestürzt, sondern krumm gebeugt, wie es jungen Zypressen unter der Einwirkung von Schnee, Wind o. Ä. oft geschieht. Die eigentliche Merkwürdigkeit der Anekdote ist im Grunde die rasche Wiederaufrichtung, denn meistens braucht der junge Baum längere Zeit dazu und nicht immer vermag es, seine frühere Lage wieder einzunehmen. Trotzdem: bei der erstaunlichen Biegsamkeit der hochgeschossenen aber noch schlanken Jungzypressen ist die von Tacitus überlieferte Begebenheit durchaus glaubwürdig. Nebenbei verdeutlicht sie, wie wenig Berührungsängste der antike Mensch gegenüber dem Trauerbaum hegte. Plinius d. J. bestätigt diese Unvoreingenommenheit in der Beschreibung seines Landguts in Südostetrurien, in dem Zypressen die herrschaftliche Reitbahn flankierten. Auch sein Onkel Plinius d. Ä. erwähnt in seinem enzyklopädischen Werk Naturalis Historia sowohl die Trauersymbolik der Zypresse als auch deren Verwendung zu Alleen mit Pinien abwechselnd und in Gärten als Zierpflanze, die durch Gärtnerkunst jede beliebige Gestalt annehmen könne. Seine Betrachtungsweise ist freilich eine rein wirtschaftliche, das Interessanteste an der Zypresse ist für ihn der geringe Arbeitsaufwand und somit die Rentabilität der Pflanzungen, die von alters her angeblich Mitgift für die Tochter geheißen haben, weil gewöhnlich bei deren Geburt angelegt und bei deren Hochzeit gefällt, ohne in der Zwischenzeit nennenswerter Pflege zu bedürfen.

Charakterwipfel
Wer glaubt, Zypressen sehen alle gleich aus, irrt sich gewaltig. Gerade ihre scharf umrissene Grundgestalt macht das individuelle Profil jedes einzelnen Baums leicht erkennbar. Junge Zypressen beiderlei Geschlechts sind extrem schlank und biegsam: jeder Sturmwind oder Schneefall kann sie so krumm drücken, daß sie sich nicht wieder aufzurichten vermögen, dann wächst seitlich ein Zweiglein zum neuen Wipfel empor, während der eigentliche Wipfel in seiner krummen Stellung erschlappt und das ganze Bäumchen als mißgestalteter Krüppel erscheint. Manche Zypressen bilden einen oder mehreren Nebenwipfel, auch ohne daß der erste seine aufrechte Stellung aufgibt; diese Verzweigung des Stammes läßt den Baum natürlich schwächer und plumper erscheinen. Der Wind prägt die Gestalt der Zypressen sichtlich: jene, die jedem Wind ausgesetzt sind, haben mehr Chancen, aufrecht zu bleiben, wenn auch struppig. Manche Zypressen haben kürzere, manche längere Zweige: letztere krümmen sich dann unter dem Gewicht der eigenen Zapfen dergestalt, daß der ganze Baum auch ohne Windeinwirkung struppig erscheint. Kurzum: jeder einzelne Baum hat sein eigenes Profil, auch und gerade unter den Zypressen - und wir reden wohlgemerkt von nur einer Zypressenart: von der dunklen cupressus sempervirens!

Freiheitsbaum
Am Walden Pond, in Massachusetts, wachsen keine Zypressen. Henry David Thoreau verbrachte im frühen XIX. Jahrhundert zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage dort als freigeistiger Einsiedler und legte daselbst keinen Rosengarten, sondern ein schlichtes Bohnenbeet an. Doch wie er in Walden; or, Life in the Woods erzählt, las er dort den Gulistan oder Rosengarten, vielleicht das bekannteste Werk persischer Dichtung des Mittelalters. Thoreau (mittlerweile selbst ein Klassiker) zitiert daraus die Stelle, in der ein Weiser gefragt wird, warum von allen Bäumen, die Allah geschaffen habe, nur die Zypresse als azad, d.h. als frei bezeichnet wird. Der weise Mann antwortet, alle andern Bäume seien dem Wechsel der Zeit unterworfen, in manchen Monaten seien sie fruchtbar, in anderen dürr; nur die Zypresse bleibe immer grün, wie die Freidenker im geistigen Bereich auch... Haltet es nicht mit dem Vergänglichen, schließt der Weise, denn der Tigris wird auch nach dem Untergang der Kalifen durch Bagdad fließen! Wenn ihr Fülle habt, seid freigebig wie die Dattelpalme; doch wenn ihr nichts zu geben habt, seid frei wie die Zypresse! Auf sich selbst gestellt in den Wäldern der Neuen Welt, wußte Thoreau sich immer über Zeit und Raum hinweg zu erheben und geistige Brücken zu schaffen, die die ganze Welt umspannen. Dadurch erhebt er aus der Provinzialität seinen eigenen Winkel, aber auch die Gegenstände, die er anspricht. Durch ihn haben Wälder und Gewässer New Englands Einlaß in die Weltliteratur gefunden; durch ihn sind o.e. Ansichten aus dem iranischen Mittelalter moderne amerikanische Gedanken geworden; dank ihm gilt die Zypresse heute der lesenden Welt als Baum der Freiheit.

Flammenbaum
Ceres/Demeter habe eine Zypresse in jeder Hand als Fackel gehalten, als sie auf der Suche nach ihrer entführten Tochter in die Unterwelt stieg — so der spätantike Dichter Claudian, den der schlanke, spitze Wuchs dieses Baums wohl an eine züngelnde Flamme erinnerte. Gleiche gedankliche Assoziation muß der Stellenwert zugrunde gelegt haben, den die Zypresse im altiranischen Feuerkult einnahm.

 

 

 

 

Eine schwarzamerikanische Dichterin des XX. Jahrhunderts, Angeline W. Grimke (1880-1958), liebte an den Zypressen der Alten Welt vor allem die dunkle Farbe:

I have just seen a beautiful thing
Slim and still,
Against a gold, gold sky,
A straight cypress,
Sensitive,
Exquisite,
A black finger
Pointing upwards.
Why, beautiful, still finger are you black?
And why are you pointing upwards?