Nestbeschmutzer?

 

Sie lieben die Toscana? Ich auch. Darum prangere ich ihre Mißstände an. Oder glauben Sie etwa, daß meine Liebe zu Siena und zur Toscana besser zum Ausdruck käme, wenn ich wie Sie am Campo vor den Cafés säße und dämlich schmunzelnd ins Eis löffelte? Ist das alles, was Sie Liebe zu einem Land nennen?

Natürlich leidet Neapel unter mehr Mißständen als die Toscana. Natürlich sind die Mißstände in Tibet oder Tschetschenien noch gravierender — was für Vergleiche! Schweigen Sie etwa, wenn in Ihrer Gemeinde oder Region die Vetternwirtschaft und die Willkür überhandnehmen? Trösten Sie sich etwa mit dem Gedanken, daß in irgendeiner Mafiahochburg alles noch schlimmer zugeht? Dann leisten Sie Ihrer eigenen Heimat keinen guten Dienst, lassen Sie sich das sagen: dann gehören Sie eben selber in eine Mafiahochburg. Gerade aus solchem Achselzucken, aus solchem laisser faire seitens der Bürger speist sich die Willkür der Regierenden und zuletzt eben die Macht aller mafiaähnlichen Cliquen.

Wenn meine Worte den Anschein erwecken, an der Toscana kein gutes Haar wachsen zu lassen, dann geschieht dies nur, weil ich die Toscana und speziell die Südtoscana kenne, liebe, und weiß, was hier nicht stimmt.

Wenn ich immer wieder mit Deutschland vergleiche, dann deshalb, weil ich Deutschland besser als jedes andere Land außer der Toscana kenne. Womit sollte man denn Vergleiche anstellen, wenn nicht mit dem, was man kennt und was zudem mit zur E.U. gehört? Ich weiß wohl, was alles das Leben in Deutschland grau und matt, unerfreulich und zuweilen unerträglich macht. Ich möchte auch nicht in Deutschland leben, die Welt hat zweifellos angenehmere Exilziele zu bieten. Aber einen gewissen protestantischen Ernst in der Staatsverwaltung, ein nordisches, protestantisches Bürgerbewußtsein, auf Rechte und Pflichten basierend, ja, ich gestehe: das wünsche ich mir im öffentlichen Leben aller Mittelmeerländer und speziell meines, der Toscana, wo ungezügelte Vetternwillkür die Stelle der Pflichten und freundliche Gefälligkeit die Stelle der Rechte eingenommen hat. Dies finden Sie womöglich noch pittoresk, ja Sie erwarten chaotische, harmlos barbarische Zustände in dem, was Sie hochnäsig Ausland nennen, stimmt's? Nur so, als Abwechslung, nicht? Damit Sie sich nachher wohler in Ihren geborgenen, ach, allzu geborgenen Zuständen fühlen können. Um das matte Grau Ihres Zuhauses dann besser schätzen und ertragen zu können.

Nun, Barbarisches werden Sie genug überall antreffen, auch bei Ihnen selbst um die Ecke. Ich finde, daß Häuptlingswillkür, korrupte Berufspolitiker, Spekulanten zu schade um die Toscana sind. Wer die Geschichte dieses Landes kennt, erwartet vielmehr einen freien Bürgersinn und eine hoch entwickelte politische Kultur. Aber dazu gehört ja die Diskussion und die Polemik.

Durch Eislöffeln und Chiantischlürfen allein erfahren Sie nichts von der Toscana. Was man Ihnen als typisch Toscana verkauft, sind Seifenblasen; leeres Krämergeschwätz; es ist nichts damit.

Die toscanische Seele ist nicht die italienische, leicht und unbekümmert, Pizza und Mandoline. Die toscanische Seele ist Geist. Unabhängiger, anarchischer und doch rechtschaffener Geist, der selber denkt und nichts ungeprüft glaubt; der vor keinen Autoritäten, vor keinen Dogmen, vor keinen Tabus haltmacht: weder in der Kunst, noch in der Wissenschaft, und erst recht nicht in der Politik.

Nach hundertfünfzigjähriger Italianisierung durch einen zentralistischen Staat mag die Toscana pittoresker geworden sein; von der toscanischen Seele bleibt jedoch immer weniger. Wenn dies auszusprechen das eigene Nest beschmutzen bedeutet, nun ja: dann bin ich eben Nestbeschmutzer.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un europeo fuori dal coro.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: ein unangepaßter Europäer.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un Européen hors du troupeau.

 

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