Der Mann aus Prato

Von allen Städten der Toscana, erinnert Prato wohl am meisten an Mitteleuropa. Mit seinem kleinen, schönen mittelalterlichen Kern und seinem großen, häßlichen Industriegebiet, liegt es am Bisenzio, einen Zufluß des Arno, genau so, wie es an einem Zufluß der Donau liegen könnte... Kaum höher als das übrige, flache Gelände, erhebt sich mitten in der Stadt die einzige Stauferburg Mittel- und Norditaliens: sie ließ Friedrich II. in den 1240er Jahren für seinen Sohn Friedrich von Antiochien errichten, der von hier aus die Herrschaft über die ganze Toscana hätte ausüben sollen; dazu kam jedoch nicht mehr und von dieser Pfalz bleibt nichts als ihre Burgmauer, diese allerdings von berückender Schönheit, wenn der Betrachter sie gedanklich vom umlärmenden Autoverkehr abheben kann. Doch in den Augen der andern Toskaner steht Prato weder für Stauferarchitektur noch für Renaissancefresken (die ein Kapitel für sich verdienten), sondern für unschöne moderne Bebauung und für Überfremdung durch Masseneinwanderung von Fabrikarbeitern.
Prato war schon immer das Prügelkind der Toscana: 1512 ließen doch die Medici, wohlgemerkt um ihre aufsässigen Florentiner zu bestrafen, nicht Florenz selbst, um das es ja zu schade gewesen wäre, sondern stellvertretend das nahe Prato schrecklich ausplündern...! Prato ist das Prügelkind unter den toscanischen Städten und hat einen schlechteren Ruf, als es verdient. Es nimmt mehr Fremde auf als der Rest des Landes zusammengerechnet und hat doch kaum Fremdenverkehr.
Die berühmtesten Toskaner des XX. Jahrhunderts waren Pratesen, aber jedermann bezeichnet sie entweder allgemein als Toskaner oder gar als Florentiner, als sei Prato ein Schandfleck in einer Biographie. Ich denke an die Filmgenies Nuti und Benigni, ja, den weltberühmten Benigni, der als Sohn von osttoscanischen Einwanderern in einem Arbeitervorort von Prato aufwuchs und dessen kulturelles Elend in manchem frühen Film darstellte; als er in Hollywood den Oscar bekam, bedankte sich die Stadt Prato bei ihm, indem amtlicherseits riesige Spruchbänder quer über den Hauptstraßen gespannt wurden, auf denen einfach grazie Roberto stand. Die Uridee für sein Meisterwerk Das Leben ist schön entnahm Benigni einem anderen Welterfolg aus Prato, namentlich dem feuilletonistischen, 700-Seiten-starken Kriegsbericht Kaputt von Curzio Malaparte, im Zivilstand Kurt Erich Suckert, auch er Einwandererkind, wiewohl Oberschichteneinwanderer.
In seiner Kindheit um die Jahrhundertwende 1900 muß Malaparte sowohl unter seiner fremden Herkunft und seinem fremden Namen als auch unter seiner Zugehörigkeit zu Prato (statt des nobleren Florenz) zu leiden gehabt haben; vom ersteren dieser beiden vermeintlichen Schandflecken wusch er sich durch Verdrängung rein, indem er sich den zwar unwahrscheinlichen, aber romanisch klingenden Namen zulegte, unter dem er bekannt wurde; den zweiten vermeintlichen Schandfleck, die Zugehörigkeit zur Arbeiterstadt Prato, trug er mit betontem Stolz, der in köstlichen Aufsätzen und Romanseiten zum Ausdruck kam.
Nach jahrhundertelangem Schwelen, schürte Malaparte wieder das Feuer der toscanischen Seele, ließ die Fehden wieder auflodern: Ich bin aus Prato - bramarbasiert er irgendwo in Verdammte Toskaner - und wenn ich nicht aus Prato sein könnte, dann wollt' ich lieber überhaupt nicht sein!
Malapartes liebevolle Verspottungen der hochnäsigen Florentiner, die heute wahrscheinlich kein Käseblatt mehr abdrucken würde, gingen um die Mitte des XX. Jahrhunderts um die Welt. Der große Arno Schmidt fühlte sich beehrt, beim Stahlberg Verlag etwas zu veröffentlichen, weil es der Verlag war, der Malaparte auf deutsch herausbrachte.
Als einziger unter den modernen toscanischen Autoren hat Malaparte die bittere und zynische, aber ungebrochene innere Kraft; er hat den Mut zum Streit und zur Polemik; er hat den kosmopolitischen und doch dabei zutiefst (und bewußt) toscanischen Blick — lauter Eigenschaften, die einst Dantes Größe ausmachten. Dazu ist er aufgrund seiner Abstammung und seiner Erziehung im deutschen Gedankengut zuhause; sein Verhältnis zum Deutschtum ist zugleich von innerer Beteiligung und gedanklicher Distanz geprägt: dies machte ihn zum idealen Berichterstatter der Katastrophe des XX. Jahrhunderts. Was Elias Canetti sich 1945 wünschte: Jetzt wäre die Zeit, Dante, für ein genaues Weltgericht, das konnte niemand dantesker als Malaparte leisten.
Die Statistik des Holocausts ist zwar wichtig, aber Zahlen sind ihrer Natur nach anfechtbar und sprechen nur die Vernunft, nicht das Herz an; wer sich andererseits literarisch an diesem Thema versucht hat, ist meistens in langweilige Schwarzweißmalerei verfallen, in der die Nazis, dieser Abschaum der Menschheit, negativ bis zur Unglaubwürdigkeit dargestellt sind. Bei Malaparte treten stattdessen dem Leser die größten Sünder von heute, wie bei Dante jene von damals, mit all ihrer leiblichen Unbeholfenheit, mit all ihrer Schwäche und Unsicherheit entgegen. Sie sind müde und ängstlich, höflich und argwöhnisch, grausam und widerlich, aber in jedem Fall menschlich glaubwürdig. Malaparte unterhält sich mit ihnen vor der Kulisse brennender Städte oder auch im Dampf der Sauna, wie Dante sich in der Hölle mit den Sündnern seiner Zeit unterhielt, und wie Dante macht uns Malaparte nicht nur mit bedeutenden Sprüchen, sondern auch mit dem Körpergeruch, mit Ticks und sonstigen zutiefst menschlichen Merkmalen der größten Verbrechern bekannt. Seine Schilderungen wirken nicht einseitig; also wirken sie echt.
Malapartes Kaputt ist für das XX. Jahrhundert, was Dantes Hölle für das XIV. war. Der auffälligste Unterschied ist die Ortung der Hölle selbst: sie liegt nicht mehr wie damals unter der Erde, sondern auf deren Oberfläche.
Am schönsten sind Malaparte heute wie Dante damals die Stellen gelungen, in denen sich der Dichter gedanklich in die toscanische Heimat zurückversetzt und sich somit der ihn umgebenden Hölle entzieht, etwa während seines Potsdamer Gesprächs mit Louise von Hohenzollern: die Nichte des letzten Kaisers wirkt so menschlich, als sie am Kanalufer an ihrem Fahrrad schiebt und sich dabei mit Malaparte unterhält, daß sich bei diesem eine nicht standesgemäße Gedankenassoziation einstellt und er nicht umhin kann, an eine Jugendfreundin, ein Arbeitermädchen zurückzudenken, das am Bisenzioufer in Prato am Fahrrad schob, während er sie nach Hause begleitete... In einer Hölle, die diesen Namen verdient, sieht eine kaiserliche Hoheit bekanntlich (und zu recht) nicht anders aus als ein Arbeitermädchen.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un europeo fuori dal coro.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: ein unangepaßter Europäer.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un Européen hors du troupeau.

 

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