Die Lehre Kataloniens

Gewiß, das war das Land des reell existierenden Anarchismus gewesen, wenn auch nur kurz (kurz aber entscheidend hinsichtlich der Frage nach der Machbarkeit). Daß es aber ein Land im wahrsten Sinne des Wortes war, das hatte ich nicht gewußt. Das hatte ich weder von Enzensbergers Kurzem Sommer noch vom Kriegstagebuch des Schweizers Albert Minnig und auch nicht von der anarchistischen Propaganda erfahren. Kein Wunder, denn auch unter Anarchisten (von den Marxisten ganz zu schweigen) war es ein Tabu, am Nationalitätenbegriff der bestehenden Ordnung zu rütteln. Anarchistische Bürgerkriegskämpfer (1936) mit katalanischem Streifenbanner
Also glaubte ich, Katalonien sei eben eine spanische Region: ein industrialisierter, fortschrittlicher Zipfel Spaniens. Gewiß, jemand hatte schon in den achtziger Jahren, damals, Anarquisme i alliberament nacional ins Deutsche übertragen und herausgebracht... War's der Neuköllner Karin Kramer Verlag? Ich weiß es nicht mehr, ich las es jedenfalls nicht, denn das o. e. Tabu wirkte, und wie! Politisch korrekt war nämlich, von proletarischer Einheit zu reden, nicht vom Kampf kleiner Kulturkreise ums eigene Überleben, und sei es durch Absonderung. Drum sah ich damals auch immer schief auf das Beharren sardischer Anarchisten darauf, daß sie Sarden und keine Italiener seien.
Als ich eines Tages ein Graffito in einem Berliner U-Bahnhof sah (ich glaube, es war Kottbusser Tor), das ganz klein aus Filzstift, aber mit großem Ausrufezeichen und mehrfach unterstrichener Verneinung verkündete Catalunya is not Spain!, stutzte ich zunächst nicht minder, als hätte da gestanden, daß die Erde keine Kugel sei. Und doch, so klein und unauffällig der Spruch auch hingekritzelt war, er hatte mehr Aussagekraft als die größeren und bunteren drumherum, und das lag an der offensichtlichen inneren Beteiligung seines Urhebers. Der simple, in seiner Einfachheit fast unbeholfen wirkender Satz war auf englisch, ja der eine Landesname sogar auf katalanisch, also war der Urheber zweifellos selber ein Katalane, der auf dem Weg sein Unbehagen darüber ausdrückte, sich als Spanier abgestempelt zu sehen...
Ach, wie ich das kannte, diese urgermanische Berührungsangst, die sich in möchtegernobjektiver Weltkenntnis zeitgemäß kleidet! Diese unbewußte, geradezu panische Angst, die die Linken und Fortschrittlichen sofort sagen ließ: Hallo Freund, wo kommst du her? — und die Bürgerlichen: Darf ich Sie nach Ihrer Nationalität fragen? Das war immer das erste, was ein Germane über einen Nichtgermanen erfahren wollte, nein erfahren mußte, denn es kam wohl aus abgrundtiefen Seelschichten. Und dann die zweite Frage, unfehlbar immer die gleiche: Was sind Sie von Beruf?
Zwischen Garonne und Rhône wird man auf Schritt und Tritt angeredet, man kann die Sprache kaum und versteht einander trotzdem, man kommt mit jedem ins Plaudern und hört dabei niemals jene zwei Fragen, mit denen man sich zwischen Rhein und Oder jedes Mal konfrontiert sieht, sobald man den Mund auftut. Woran liegt das? An unbewußter Angst, gewiß, und am Versuch rationaler Angstbewältigung. Was ist rational? Ein Schema, eine Regel, ein System: das ist rational. Also versucht man, die Angst vor der Welt dadurch zu überwinden, daß man sich die Welt als eine Tabelle auf einem Schulheft denkt, so mit verschiedenen Spalten und Zeilen, säuberlich mit Lineal und angespitztem Bleistift gezogen. Um sich der Angst vor jedem zu bemeistern, der einem begegnet, braucht man ihn bloß in die richtige Spalte und Zeile der Denktabelle einzutragen. Daher immer sofort jene zwei Fragen: Wo kommen Sie her? Was sind Sie von Beruf? Dann ist der Betreffende auf immer gezeichnet. Alles, was er hinfort von sich gibt, ist eben das Werk oder das Wort eines Amerikaners, eines Italieners, eines Spaniers, und wird als solches, nicht etwa an sich bewertet.
Nun ist aber der Haken, einer der Haken solcher schulhaften Denktabellen, daß sie stark vereinfachen, indem sie eben nur Kategorien berücksichtigen, die schulisch (also letztenendes staatlich) anerkannt sind. Und Staaten erkennen bekanntlich nur einander an. Katalonien gibt's nicht: man kann in germanischen Köpfen nur Spanier oder Portugiese sein, höchstens Andorraner — fertig. Mehr steht in der Spalte der Iberischen Halbinsel nicht zur Auswahl. Selbst die Basken müssen sich zwischen Rhein und Oder damit abfinden, entweder Spanier oder Franzosen zu sein! So denkt man angeblich vernünftig, so sei man objektiv in der Wahrnehmung der Welt. Alles Andere seien Schrullen, die die Wahrnehmung und das Denken unnötig erschweren würden. Dabei spielt keine Rolle, ob dem Betroffenen die Einteilung paßt oder nicht: subjektive Belangen kann ein möchtegernobjektives Denken ja nicht berücksichtigen!
Sieht man genau hin, so läßt sich die angebliche Objektivität unschwer als Hörigkeit enttarnen: ein Gedanke ist dadurch objektiv, daß er mir vom Staat beigebracht wird — subjektiv ist der selbe Gedanke stattdessen, wenn er von mir unautorisiert gedacht wird. So konnte sich ein Mensch in Deutschland erst dann mit Anspruch auf Objektivität Kroate nennen, nachdem H. D. Genscher einen neuen Staat auf dem Balkan anerkannt hatte — wer das zuvor tat, galt als Spinner (wenn nicht gar als Feind des Friedens usw.), obwohl er doch der selbe Mensch war wie nachher.
Genaugenommen ist Objektivität also nichts Anderes als Unselbständigkeit im Denken, widerspruchslose Übernahme von Begriffsbestimmungen, die eine autoritäre Instanz (der Staat, der Gesandte Gottes, der große Philosoph, usw.) festgelegt hat. Indem der kleine Knirps wiederholt, was er vom Vater oder vom großen Bruder gehört hat, glaubt er sich erstens objektiv, stellt sich zweitens in den Schutz von Mächtigen, und erspart sich drittens die Mühe eigenständigen Denkens. Qu'est-ce que tu veux de plus?
Aus der Schultabelle auszubrechen, die man im Kopf trägt, ist der erste und schwierigste Schritt zur Selbständigkeit. Vermutlich ist es leichter, das Gitter eines Gefängnisses zu verbiegen, als durch die Linien einer längst verinnerlichten Denktabelle hinaus das Freie zu gewinnen. Es gibt in der heutigen Gesellschaft, die sich so viel aufs Wissen einbildet, kaum ein schlimmeres Stigma als das der Subjektivität, der Unwissenschaftlichkeit. Aber wer den Mut zur Subjektivität nicht aufbringt, wird auch niemals Subjekt, niemals sich selbst, niemals selbstbestimmt, und wird lebenslänglich nachplappern, was Andere über ihn sagen.
Die in der Berliner U-Bahn hingekritzelte Parole war damals, kaum zehn Jahre nach Francos Tod, noch nicht einmal ein politisches Programm. Aber sicherlich war das ein Akt der Selbstbefreiung. Es war eine Absage an Genscher und seinesgleichen, an Experten und Diplomaten, an staatliche und nichtstaatliche Autoritäten, bestimmen zu können, welcher Nation ein Mensch angehört. Ihr könnt lange behaupten, ihr Schablonendenker, daß ich Spanier sei: das zu bestimmen steht nicht euch, sondern allein mir selber zu! — das war die Aussage.
Die innere Befreiung, die Befreiung des eigenen Selbstverständnisses, ist der erste Schritt zu jeder weiteren und äußeren Befreiung: jener oder jene Graffitischreiber/in hatte ihn vollzogen — ich fühlte und würdigte es.
Ich wollte mich auch nicht mehr in fremde Denktabellen einordnen lassen.
Italien, was hieß das schon? Ich hatte den Staat nicht gewählt und empfand ihn nicht als meinen, ganz im Gegenteil, empfand ihn in meiner Heimat als eine fremde Besatzungsmacht, schon allein weil kein Staatsbeamter in der Toscana toscanisch sprach. Aus welchem Grund sollte ich z. B. jene alten, kaum französierten Korsen als Fremde ansehen, deren Muttersprache fast toscanisch klang, und stattdessen die mir sprachlich und in jeder anderen Hinsicht fremden Nord- und Süditaliener als Landsleute betrachten? Nur weil irgendwelche Staatsmänner und Diplomaten darin miteinander übereingekommen waren? Sollte ich mich nicht vielmehr nach meinem eigenen Empfinden richten? Und was sagte es mir? Es sagte mir, daß meine Muttersprache Toscanisch, daß meine tradierten Werte der unabhängige Geist, der freie Bürgersinn der kleinen demokratischen Republiken sind, jener Republik Siena, Republik Pisa, Republik Florenz usw., die eine der höchsten Blüten der Kulturgeschichte hervorbrachten. Was soll mir die monarchische Tradition der Piemontesen oder der Süditaliener? Was sollen mir ihre einander entgegengesetzten und mir gleich fremden Mentalitäten? Warum muß ich auf meine eigene Identität verzichten, bloß weil ein König in Turin und seine Anhänger anno 1859 einen Staat auf die Beine stellten, den sie Italien nannten? Haben sie mich denn gefragt, ob ich mit dazu gehören möchte? Bin ich ein Untertan oder ein freier Bürger? Wer kann mit mehr Recht bestimmen, wozu ich gehöre, als ich selbst? Wenn ein katalanischer Untertan von König Juan Carlos so frei war, sich und sein eigenes Land von Spanien loszusagen, so werde ich wohl mich und meins von Italien lossagen können — zunächst vielleicht nur in meinem Kopf und in meinem Herzen... Aber erkennt denn ein freier Mensch höhere Instanzen als den eigenen Kopf und das eigene Herz an? Ist das nicht die größte aller möglichen Befreiungen, wenn man das eigene Denken und Fühlen von den Schablonen befreit, die man sich in der Schule und vor dem Fernseher angeeignet hat? Solch einen Denkanstoß kann ein kleiner, mit Filzstift in der U-Bahn hingekritzelter Spruch geben: Catalunya is not Spain!
Natürlich erntete ich mit meiner Behauptung, Tuscany is not Italy!, allseits Kopfschütteln. Nicht nur von den Anhängern der bestehenden Ordnung, sondern auch von denen, die diese zwar bekämpfen, aber dabei die Denktabellen weiterverwenden, die sie in den Schulen der bestehenden Ordnung verinnerlicht haben.
Die Genossen sind bekanntlich sehr vernünftig, ja sie verkörpern geradezu die Vernunft der blinden Volksmasse, die sie zu leiten beanspruchen. Objektiv sind sie. Ganz eingenommen von ihrer hohen Sendung, sehen sie der Realität ins Auge und tragen in der Jackentasche die fertige Theorie zur Weltverbesserung. Ob sie ein rotes sozialistisches oder ein schwarzes anarchistisches Halstuch auch tragen, sie haben Wissenschaftlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben und das heißt eben: starre Schemen, Schultabellen. Wer das Plattdeutsche oder gar das Bairische statt des Hochdeutschen schreibt, kann in ihren Augen nur ein Reaktionär sein. Ebenfalls wer behauptet, ein Schotte und kein Engländer, ein Korse und kein Franzose, ein Toscaner und kein Italiener zu sein. So war es in den Jahren des Kalten Kriegs, und so ist es heute noch: um mit Absegnung der Genossen eine Sonderidentität beanspruchen zu dürfen, muß man Indianer im Urwald sein. In Europa würde der selbe Indianer als Reaktionär gelten, wenn er sich weigerte, das Spanische, das Französische oder das Hochdeutsche zu verwenden. In Europa lernen die Anarchisten Esperanto, um die Sprache und somit das Denken und die Kultur zu vereinheitlichen. Ihr Traum ist eine undifferenzierte Volksmasse von Gleichen.
Mein Traum ist im Gegenteil eine äußerst differenzierte Masse von Gleichwertigen, nicht von Gleichen. Esperanto und ähnliche Bestrebungen halte ich für Ausgeburten des Einheitswahns. Ich liebe die Differenz und den Widerspruch, das Ketzertum und das Sektiererwesen, das Unverwechselbare und den feinen Unterschied. Mich faszinieren seltene Wörter von Randsprachen, Sprachinseln, sprachliche Atavismen, obsolete Wendungen, Eigenarten jeder Art. Ich halte das Erlernen von Sprachen und Dialekten für eine Bereicherung meines Geistes, während die Genossen sie als Zeitverschwendung abstempeln (sie möchten überall ankommen, auf eine beflaggte Tribüne steigen und gleich in einer Einheitssprache losreden, ohne erst zuhören und lernen zu müssen...).
Mit Freude und geschichtlichem Interesse, die meine sprachliche Mühe reich entlohnt haben, las ich vor Jahren Ut mine Festungstid auf platt; auch sonst lese ich möglichst alles in der Originalsprache, mit besonderer Vorliebe für anarchische, d. h. staatenlose Sprachen. Ich hab' so lange und immer wieder die trobadors gelesen, bis mir ihre alte lengua d' oc zumindest schriftlich vertraut geworden ist, die allerdings im Land selbst, im Languedoc, so gut wie niemand mehr spricht.
Und nun schließt sich der Kreis.
Ich komme nach Katalonien und staune darüber, dort Straßenschilder, Zeitungen, Bücher und alles in einer Sprache zu finden, die jener der Trobadors am nächsten kommt: wer die eine liest, kann auch die andere lesen. Und die Leute sprechen sie auch und wollen von der Sprache des Staates nichts wissen, zu dem sie (objektiv, würde ein bebrillter Genosse mit gewichtiger wissenschaftlicher Miene hinzufügen) doch gehören... Toll! Ich liebe diese Schwimmer-gegen-den-Strom, diese Alleingänger gegen den Rest der Welt; kleine Völker, die sich nicht vereinheitlichen lassen und dem großen Staat, seiner Schulsprache, seiner Schulobjektivität schlicht und einfach eine alltägliche Absage erteilen. Der König in Madrid kann behaupten, was er will, sagen sie, wir behaupten das Gegenteil! Dabei denke ich natürlich an das Graffito, das ich vor Jahrzehnten in der Berliner U-Bahn las und jeder Objektivität zu entbehren schien: Catalunya is not Spain... Im Lande selbst scheint diese Meinung mittlerweile weitverbreitet zu sein — ist sie dadurch objektiv geworden? Nein, objektiv ist nur, was staatlich anerkannt wird, und das ist Katalonien immer noch kaum.
In Katalonien hab' ich nun endlich jenes Buch gekauft und im Original gelesen, dessen deutsche Übersetzung vor zwanzig Jahren in Berlin umging: Anarquisme i alliberament nacional. Wenn ich mich recht entsinne, hieß es auf deutsch Anarchismus und nationaler Befreiungskampf, was an Guerillakrieg, Bomben und Flugzeugentführungen denken läßt, wovon im ganzen Buch nirgends die Rede ist — heikle Sache, das Übersetzen: entweder der Ziel- oder der Ausgangssprache geschieht fast immer unrecht. Der alliberament, wovon das Buch handelt, ist ausdrücklich und zuallererst ein individueller, und erst auf dem Wege und als Bestandteil der persönlichen, individuellen Befreiung wird darin die nationale anvisiert:
...L' anarquisme, mès que una ideologia ès una actitud vital de l' individu de rebel·lia contra tot poder...
...el subjecte revolucionari ès l' individu...
...La independència ès la ruptura amb tota forma de dominació, la no delegació de la pròpia capacitat de decisió i actuació. Èst per això que la independència ès essencialment individual, abans que nacional, i per descomptat, molt abans que estatal.
...
So eine schöne Sprache, und so schöne Ideen! Echt und lebendig, nicht starr wie das Esperanto und die Befreiungswissenschaft objektiver Genossen!
Sicherlich eins der schönsten Sachbücher, die je gedruckt wurden: weil es das undogmatischste Manifest freien Denkens und Handelns ist. Wichtiger als Bakunin, aktueller als Kropotkin.
Selbst Jean Paul Friedrich Richter, dessen Träume ja ohnehin um die Pyrenäen schweiften (ums Campaner Thal nämlich), würde einer solchen Affassung von nationaler Befreiung, die zuallererst und vor allem eine Befreiung des einzelnen Menschen sein will, freudig zustimmen...
Wie schrieb er doch in den Flegeljahren: — Das Ideal eines Staats wäre, daß die kleinsten Föderativstaaten, die sich immer freie Gesetze gäben, sich in Föderativ-Dörfer — dann in Föderativ-Häuser — und zuletzt in Föderativ-Individuen zerfälleten, die in jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben könnten.
Das läßt sich hören!

...L' individu ès únic, autònom, irrepetible. L' individu ès un concepte anterior a la societat, i per tant aquesta ha d' èsser expressió en aquell. Solament en l' anarquia la seva pertinença a una societat — o millor, a una associació — ès permanentment voluntària i rescindible. Res no pot situar-se per damunt seu. A partir d' aquí, l' individu té dret a lluitar contra qualsevol forma de dominació, sigui aquesta exercida per una minoria o, en última instància, per una majoria... Ès lògic, doncs, que les nacions són una agrupació social definida en base a criteris que parteixen de l' individu i no pas de l' estat. ...

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un europeo fuori dal coro.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: ein unangepaßter Europäer.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un Européen hors du troupeau.

 

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