Die Lehre Kataloniens
Gewiß,
das war das Land des reell existierenden Anarchismus gewesen, wenn auch
nur kurz (kurz aber entscheidend hinsichtlich der Frage nach der Machbarkeit).
Daß es aber ein Land im wahrsten Sinne des Wortes war, das hatte ich nicht
gewußt. Das hatte ich weder von Enzensbergers Kurzem
Sommer noch vom Kriegstagebuch des Schweizers Albert Minnig und
auch nicht von der anarchistischen Propaganda erfahren. Kein Wunder, denn
auch unter Anarchisten (von den Marxisten ganz zu schweigen) war es ein
Tabu, am Nationalitätenbegriff der bestehenden Ordnung zu rütteln. 
Also glaubte ich, Katalonien sei eben eine spanische Region: ein industrialisierter,
fortschrittlicher Zipfel Spaniens. Gewiß, jemand hatte schon in den achtziger
Jahren, damals, Anarquisme
i alliberament nacional ins Deutsche übertragen und herausgebracht...
War's der Neuköllner Karin Kramer Verlag? Ich weiß es nicht mehr, ich las
es jedenfalls nicht, denn das o. e. Tabu wirkte, und wie! Politisch korrekt
war nämlich, von proletarischer Einheit zu reden, nicht vom Kampf kleiner
Kulturkreise ums eigene Überleben, und sei es durch Absonderung. Drum sah
ich damals auch immer schief auf das Beharren sardischer Anarchisten darauf,
daß sie Sarden und keine Italiener seien.
Als ich eines Tages ein Graffito in einem Berliner U-Bahnhof sah (ich glaube,
es war Kottbusser Tor), das ganz klein aus Filzstift, aber mit großem Ausrufezeichen
und mehrfach unterstrichener Verneinung verkündete Catalunya
is not Spain!, stutzte ich zunächst nicht minder, als hätte da
gestanden, daß die Erde keine Kugel sei. Und doch, so klein und unauffällig
der Spruch auch hingekritzelt war, er hatte mehr Aussagekraft als die größeren
und bunteren drumherum, und das lag an der offensichtlichen inneren Beteiligung
seines Urhebers. Der simple, in seiner Einfachheit fast unbeholfen wirkender
Satz war auf englisch, ja der eine Landesname sogar auf katalanisch, also
war der Urheber zweifellos selber ein Katalane, der auf dem Weg sein Unbehagen
darüber ausdrückte, sich als Spanier abgestempelt zu sehen...
Ach, wie ich das kannte, diese urgermanische Berührungsangst, die sich in
möchtegernobjektiver Weltkenntnis zeitgemäß kleidet! Diese unbewußte, geradezu
panische Angst, die die Linken und Fortschrittlichen sofort sagen ließ:
Hallo Freund, wo kommst du her?
und die Bürgerlichen: Darf ich Sie nach Ihrer Nationalität
fragen? Das war immer das erste, was ein Germane über einen Nichtgermanen
erfahren wollte, nein erfahren mußte, denn es kam wohl aus abgrundtiefen
Seelschichten. Und dann die zweite Frage, unfehlbar immer die gleiche: Was
sind Sie von Beruf?
Zwischen Garonne und Rhône wird man auf Schritt und Tritt angeredet, man
kann die Sprache kaum und versteht einander trotzdem, man kommt mit jedem
ins Plaudern und hört dabei niemals jene zwei Fragen, mit denen man sich
zwischen Rhein und Oder jedes Mal konfrontiert sieht, sobald man den Mund
auftut. Woran liegt das? An unbewußter Angst, gewiß, und am Versuch rationaler
Angstbewältigung. Was ist rational? Ein Schema, eine Regel, ein System:
das ist rational. Also versucht man, die Angst vor der Welt dadurch zu überwinden,
daß man sich die Welt als eine Tabelle auf einem Schulheft denkt, so mit
verschiedenen Spalten und Zeilen, säuberlich mit Lineal und angespitztem
Bleistift gezogen. Um sich der Angst vor jedem zu bemeistern, der einem
begegnet, braucht man ihn bloß in die richtige Spalte und Zeile der Denktabelle
einzutragen. Daher immer sofort jene zwei Fragen: Wo
kommen Sie her? Was sind Sie von Beruf? Dann ist der Betreffende
auf immer gezeichnet. Alles, was er hinfort von sich gibt, ist eben das
Werk oder das Wort eines Amerikaners, eines Italieners, eines Spaniers,
und wird als solches, nicht etwa an
sich bewertet.
Nun ist aber der Haken, einer der Haken solcher schulhaften Denktabellen,
daß sie stark vereinfachen, indem sie eben nur Kategorien berücksichtigen,
die schulisch (also letztenendes staatlich) anerkannt sind. Und Staaten
erkennen bekanntlich nur einander an. Katalonien gibt's nicht: man kann
in germanischen Köpfen nur Spanier oder Portugiese sein, höchstens Andorraner
fertig. Mehr steht in der Spalte der Iberischen Halbinsel nicht zur
Auswahl. Selbst die Basken müssen sich zwischen Rhein und Oder damit abfinden,
entweder Spanier oder Franzosen zu sein! So denkt man angeblich vernünftig,
so sei man objektiv in der Wahrnehmung der Welt. Alles Andere seien Schrullen,
die die Wahrnehmung und das Denken unnötig erschweren würden. Dabei spielt
keine Rolle, ob dem Betroffenen die Einteilung paßt oder nicht: subjektive
Belangen kann ein möchtegernobjektives Denken ja nicht berücksichtigen!
Sieht man genau hin, so läßt sich die angebliche Objektivität unschwer als
Hörigkeit enttarnen: ein Gedanke ist dadurch objektiv, daß er mir vom Staat
beigebracht wird subjektiv ist der selbe Gedanke stattdessen, wenn
er von mir unautorisiert gedacht wird.
So konnte sich ein Mensch in Deutschland erst dann mit Anspruch auf Objektivität
Kroate nennen, nachdem H. D. Genscher einen neuen Staat auf dem Balkan anerkannt
hatte wer das zuvor tat, galt als Spinner (wenn nicht gar als Feind
des Friedens usw.), obwohl er doch der selbe Mensch war wie nachher.
Genaugenommen ist Objektivität also nichts Anderes als Unselbständigkeit
im Denken, widerspruchslose Übernahme von Begriffsbestimmungen, die eine
autoritäre Instanz (der Staat, der Gesandte Gottes, der große Philosoph,
usw.) festgelegt hat. Indem der kleine Knirps wiederholt, was er vom Vater
oder vom großen Bruder gehört hat, glaubt er sich erstens objektiv, stellt
sich zweitens in den Schutz von Mächtigen, und erspart sich drittens die
Mühe eigenständigen Denkens. Qu'est-ce que tu veux
de plus?
Aus der Schultabelle auszubrechen, die man im Kopf trägt, ist der erste
und schwierigste Schritt zur Selbständigkeit. Vermutlich ist es leichter,
das Gitter eines Gefängnisses zu verbiegen, als durch die Linien einer längst
verinnerlichten Denktabelle hinaus das Freie zu gewinnen. Es gibt in der
heutigen Gesellschaft, die sich so viel aufs Wissen einbildet, kaum ein
schlimmeres Stigma als das der Subjektivität, der Unwissenschaftlichkeit.
Aber wer den Mut zur Subjektivität nicht aufbringt, wird auch niemals Subjekt,
niemals sich selbst, niemals selbstbestimmt, und wird lebenslänglich nachplappern,
was Andere über ihn sagen.
Die in der Berliner U-Bahn hingekritzelte Parole war damals, kaum zehn Jahre
nach Francos Tod, noch nicht einmal ein politisches Programm. Aber sicherlich
war das ein Akt der Selbstbefreiung. Es war eine Absage an Genscher und
seinesgleichen, an Experten und Diplomaten, an staatliche und nichtstaatliche
Autoritäten, bestimmen zu können, welcher Nation ein Mensch angehört. Ihr
könnt lange behaupten, ihr Schablonendenker, daß ich Spanier sei: das zu
bestimmen steht nicht euch, sondern allein mir selber zu!
das war die Aussage.
Die innere Befreiung, die Befreiung des eigenen Selbstverständnisses, ist
der erste Schritt zu jeder weiteren und äußeren Befreiung: jener oder jene
Graffitischreiber/in hatte ihn vollzogen ich fühlte und würdigte
es.
Ich wollte mich auch nicht mehr in fremde Denktabellen einordnen lassen.
Italien, was hieß das schon? Ich hatte den Staat nicht gewählt und empfand
ihn nicht als meinen, ganz im Gegenteil, empfand ihn in meiner Heimat als
eine fremde Besatzungsmacht, schon allein weil kein Staatsbeamter in der
Toscana toscanisch sprach. Aus welchem Grund sollte ich z. B. jene alten,
kaum französierten Korsen als Fremde ansehen, deren Muttersprache fast toscanisch
klang, und stattdessen die mir sprachlich und in jeder anderen Hinsicht
fremden Nord- und Süditaliener als Landsleute betrachten? Nur weil irgendwelche
Staatsmänner und Diplomaten darin miteinander übereingekommen waren? Sollte
ich mich nicht vielmehr nach meinem eigenen Empfinden richten? Und was sagte
es mir? Es sagte mir, daß meine Muttersprache Toscanisch, daß meine tradierten
Werte der unabhängige Geist, der freie Bürgersinn der kleinen demokratischen
Republiken sind, jener Republik Siena, Republik Pisa, Republik Florenz usw.,
die eine der höchsten Blüten der Kulturgeschichte hervorbrachten. Was soll
mir die monarchische Tradition der Piemontesen oder der Süditaliener? Was
sollen mir ihre einander entgegengesetzten und mir gleich fremden Mentalitäten?
Warum muß ich auf meine eigene Identität verzichten, bloß weil ein König
in Turin und seine Anhänger anno 1859 einen Staat auf die Beine stellten,
den sie Italien nannten? Haben sie mich denn gefragt, ob ich mit dazu gehören
möchte? Bin ich ein Untertan oder ein freier Bürger? Wer kann mit mehr Recht
bestimmen, wozu ich gehöre, als ich selbst? Wenn ein katalanischer Untertan
von König Juan Carlos so frei war, sich und sein eigenes Land von Spanien
loszusagen, so werde ich wohl mich und meins von Italien lossagen können
zunächst vielleicht nur in meinem Kopf und in meinem Herzen... Aber
erkennt denn ein freier Mensch höhere Instanzen als den eigenen Kopf und
das eigene Herz an? Ist das nicht die größte aller möglichen Befreiungen,
wenn man das eigene Denken und Fühlen von den Schablonen befreit, die man
sich in der Schule und vor dem Fernseher angeeignet hat? Solch einen Denkanstoß
kann ein kleiner, mit Filzstift in der U-Bahn hingekritzelter Spruch geben:
Catalunya is not Spain!
Natürlich erntete ich mit meiner Behauptung, Tuscany
is not Italy!, allseits Kopfschütteln. Nicht nur von den Anhängern
der bestehenden Ordnung, sondern auch von denen, die diese zwar bekämpfen,
aber dabei die Denktabellen weiterverwenden, die sie in den Schulen der
bestehenden Ordnung verinnerlicht haben.
Die Genossen sind bekanntlich sehr vernünftig, ja sie verkörpern geradezu
die Vernunft der blinden Volksmasse, die sie zu leiten beanspruchen. Objektiv
sind sie. Ganz eingenommen von ihrer hohen Sendung, sehen sie der Realität
ins Auge und tragen in der Jackentasche die fertige Theorie zur Weltverbesserung.
Ob sie ein rotes sozialistisches oder ein schwarzes anarchistisches Halstuch
auch tragen, sie haben Wissenschaftlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben
und das heißt eben: starre Schemen, Schultabellen. Wer das Plattdeutsche
oder gar das Bairische statt des Hochdeutschen schreibt, kann in ihren Augen
nur ein Reaktionär sein. Ebenfalls wer behauptet, ein Schotte und kein Engländer,
ein Korse und kein Franzose, ein Toscaner und kein Italiener zu sein. So
war es in den Jahren des Kalten Kriegs, und so ist es heute noch: um mit
Absegnung der Genossen eine Sonderidentität beanspruchen zu dürfen, muß
man Indianer im Urwald sein. In Europa würde der selbe Indianer als Reaktionär
gelten, wenn er sich weigerte, das Spanische, das Französische oder das
Hochdeutsche zu verwenden. In Europa lernen die Anarchisten Esperanto, um
die Sprache und somit das Denken und die Kultur zu vereinheitlichen. Ihr
Traum ist eine undifferenzierte Volksmasse von Gleichen.
Mein Traum ist im Gegenteil eine äußerst differenzierte Masse von Gleichwertigen,
nicht von Gleichen. Esperanto und ähnliche Bestrebungen halte ich für Ausgeburten
des Einheitswahns. Ich liebe die Differenz und den Widerspruch, das Ketzertum
und das Sektiererwesen, das Unverwechselbare und den feinen Unterschied.
Mich faszinieren seltene Wörter von Randsprachen, Sprachinseln, sprachliche
Atavismen, obsolete Wendungen, Eigenarten jeder Art. Ich halte das Erlernen
von Sprachen und Dialekten für eine Bereicherung meines Geistes, während
die Genossen sie als Zeitverschwendung abstempeln (sie möchten überall ankommen,
auf eine beflaggte Tribüne steigen und gleich in einer Einheitssprache losreden,
ohne erst zuhören und lernen zu müssen...).
Mit Freude und geschichtlichem Interesse, die meine sprachliche Mühe reich
entlohnt haben, las ich vor Jahren Ut mine Festungstid
auf platt; auch sonst lese ich möglichst alles in der Originalsprache, mit
besonderer Vorliebe für anarchische, d. h. staatenlose Sprachen. Ich hab'
so lange und immer wieder die trobadors
gelesen, bis mir ihre alte lengua d' oc
zumindest schriftlich vertraut geworden ist, die allerdings im Land selbst,
im Languedoc, so gut wie niemand mehr spricht.
Und nun schließt sich der Kreis.
Ich komme nach Katalonien und staune darüber, dort Straßenschilder, Zeitungen,
Bücher und alles in einer Sprache zu finden, die jener der Trobadors am
nächsten kommt: wer die eine liest, kann
auch
die andere lesen. Und die Leute sprechen sie auch und wollen von der Sprache
des Staates nichts wissen, zu dem sie (objektiv, würde ein bebrillter Genosse
mit gewichtiger wissenschaftlicher Miene hinzufügen) doch gehören... Toll!
Ich liebe diese Schwimmer-gegen-den-Strom, diese Alleingänger gegen den
Rest der Welt; kleine Völker, die sich nicht vereinheitlichen lassen und
dem großen Staat, seiner Schulsprache, seiner Schulobjektivität schlicht
und einfach eine alltägliche Absage erteilen. Der
König in Madrid kann behaupten, was er will, sagen
sie, wir behaupten das Gegenteil! Dabei denke ich natürlich
an das Graffito, das ich vor Jahrzehnten in der Berliner U-Bahn las und
jeder Objektivität zu entbehren schien: Catalunya
is not Spain... Im Lande selbst scheint diese Meinung mittlerweile
weitverbreitet zu sein ist sie dadurch objektiv geworden? Nein, objektiv
ist nur, was staatlich anerkannt wird, und das ist Katalonien immer noch
kaum.
In Katalonien hab' ich nun endlich jenes Buch gekauft und im Original gelesen,
dessen deutsche Übersetzung vor zwanzig Jahren in Berlin umging: Anarquisme
i alliberament nacional. Wenn ich mich recht entsinne, hieß es
auf deutsch Anarchismus und nationaler Befreiungskampf,
was an Guerillakrieg, Bomben und Flugzeugentführungen denken läßt, wovon
im ganzen Buch nirgends die Rede ist heikle Sache, das Übersetzen:
entweder der Ziel- oder der Ausgangssprache geschieht fast immer unrecht.
Der alliberament, wovon das Buch handelt,
ist ausdrücklich und zuallererst ein individueller, und erst auf dem Wege
und als Bestandteil der persönlichen, individuellen Befreiung wird darin
die nationale anvisiert:
...L'
anarquisme, mès que una ideologia ès una actitud vital de
l' individu de rebel·lia contra tot poder...
...el
subjecte revolucionari ès l' individu...
...La
independència ès la ruptura amb tota forma de dominació,
la no delegació de la pròpia capacitat de decisió i
actuació. Èst per això que la independència
ès essencialment individual, abans que nacional, i per descomptat,
molt abans que estatal. ...
So eine schöne Sprache, und so schöne Ideen! Echt und lebendig, nicht starr
wie das Esperanto und die Befreiungswissenschaft objektiver Genossen!
Sicherlich eins der schönsten Sachbücher, die je gedruckt wurden: weil es
das undogmatischste Manifest freien Denkens und Handelns ist. Wichtiger
als Bakunin, aktueller als Kropotkin.
Selbst Jean Paul Friedrich Richter, dessen Träume ja ohnehin um die
Pyrenäen schweiften (ums Campaner Thal
nämlich), würde einer solchen Affassung von nationaler Befreiung,
die zuallererst und vor allem eine Befreiung des einzelnen Menschen sein
will, freudig zustimmen...
Wie schrieb er doch in den Flegeljahren:
Das Ideal eines Staats wäre, daß
die kleinsten Föderativstaaten, die sich immer freie Gesetze gäben,
sich in Föderativ-Dörfer dann in Föderativ-Häuser
und zuletzt in Föderativ-Individuen zerfälleten, die in
jeder Minute sich ein neues Gesetzbuch geben könnten.
Das läßt sich hören!
...L'
individu ès únic, autònom, irrepetible. L' individu
ès un concepte anterior a la societat, i per tant aquesta ha d' èsser
expressió en aquell. Solament en l' anarquia la seva pertinença
a una societat o millor, a una associació ès
permanentment voluntària i rescindible. Res
no pot situar-se per damunt seu. A partir d' aquí, l' individu té
dret a lluitar contra qualsevol forma de dominació, sigui
aquesta exercida per una minoria o, en última instància, per
una majoria... Ès lògic, doncs, que les nacions són
una agrupació social definida en base a criteris que parteixen de
l' individu i no pas de l' estat. ...
Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un europeo fuori dal coro.
Marco Bucciarelli, il toscanaccio: ein unangepaßter Europäer.
Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un Européen hors du troupeau.
www.toscanaccio.eu