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Die statthafte und die unstatthafte Kritik

Ich gestehe: mein Geist ist kantig, meine Kompromißbereitschaft gering (von Kompromissen halte ich so wenig, daß ich das Wort unwillkürlich verhunze, die kurze Miß zu einem langen, langen Mies ausdehne...).
Es könnte also nicht ausbleiben, daß ich viel und leidenschaftlich kritisiere.

Na, und? In unsrer demokratischen Gesellschaft darf man alles kritisieren — sagt gähnend, wer mit ein paar Gläschen Chianti schon zufriedenzustellen ist.

Denkst Du!
Faktisch ist nur harmlose Kritik statthaft.
Kritik gilt nämlich dann als vernünftig und akzeptabel (zwei Euphemismen für statthaft), wenn sie den vorgegebenen Rahmen nicht sprengt; wenn sie sich der vorgeschriebenen Maßstäbe bedient.
Kritik wird geduldet, wenn sie zum Weiterbestehen der gegebenen Denkschablonen beiträgt; in diese ist das Pluralismusventil eingebaut, das Kritik schadlos entsorgt — es sei denn, sie nimmt andere Wege als die ihr zugewiesenen, d. h. sie bedient sich anderer Maßstäbe. Dies ist z. B. der Fall, wenn man nicht etwa eine Partei zugunsten einer anderen oder irgendeins von zwei gegebenen politischen Gebilden zugunsten des anderen kritisiert, sondern sich über den gegebenen Rahmen hinwegsetzt und eigene Denkformen entwickelt.

Man darf, wenn man Glück hat (o Glück o Glück!), zwischen Weiß und Schwarz wählen und die Spielweise der jeweils anderen Farbe behutsam kritisieren, niemals jedoch das Schachbrett umgestalten oder gar umwerfen und ein völlig neues Spiel anfangen. Dann wird die Kritik als unvernünftig abgestempelt und man meint damit: unstatthaft.

Zu dieser Problematik schreibt Paul Feyerabend:

Im Folgenden nenne ich eine Kritik (Beschreibung, Anregung, etc.) aufgrund noch nicht existierender Maßstäbe eine antizipierende Kritik (Beschreibung, Anregung, etc.), eine Kritik (Beschreibung, Anregung, etc.), die bestehenden Maßstäben genügt, eine konservative Kritik (Beschreibung, Anregung, etc.). Eine antizipierende Kritik hört sich immer etwas seltsam an und Konservative haben es leicht, ihre Absurdität nachzuweisen. Der Erfolg rationalistischer Argumente beruht vor allem auf diesem Umstand.
Pragmatische Philosophien sind in der Geschichte des Denkens und Handelns nur selten zu finden. Der Grund ist klar. Man sieht nur selten die eigenen Ideen als Teile einer sich ständig ändernden und vielleicht absurden Tradition. Es gibt kaum eine Religion, die sich einfach als eine mögliche ebensform vorstellt — zumindest die sogenannten 'höheren' Religionen haben nicht diese Eigenschaft. Der Anspruch ist viel größer. Die Religion ist die Wahrheit, alles andere ist Irrtum. Menschen, die die Religion kennen, verstehen, sie aber trotzdem ablehnen, sind zutiefst verdorben (oder hoffnungslose Idioten).

Was Feyerabend hier über Religionen schreibt (Interessierten sei das ganze Buch anempfohlen: “Erkenntnis für freie Menschen”, edition suhrkamp 1011), läßt sich auf jede Ideologie, auf jede etablierte Norm anwenden. Jeder Staat hält sich selbst, seine Ausdehnung und seine Verfassung für ewig und unantastbar — und jeden für einen Terroristen (oder eben für einen hoffnungslosen Idioten), der dran rütteln will. Selbst jeder Rechtschreibungsausschuß verkündet seine Regeln mit salbungsvoller Miene wie Moses auf dem Sinai und erklärt jeden zum Analphabeten, der sich nicht dran hält. Kein Wunder, daß unvoreingenommene Kritik überall unstatthaft ist.
Wer wirklich selber denkt, stellt mit jedem Gedanken etwas in Frage, was nicht in Frage gestellt werden darf. Jeder wirklich freie Gedanke ist eine potentielle Gefährdung des Bestehenden, und sei es auch nur einer bestehenden Legende, eines Gemeinplatzes.

Wo käme man hin, wenn jeder selber dächte und Eltern und Professoren, Pfarrern und Genossen, TV und dem Bundespräsidenten nicht mehr glaubte? Kritik ist schön und gut, wenn sie staatstragende Maßstäbe verwendet. Jede andere ist unstatthaft und wird darum je nach Landesgepflogenheit entweder verboten oder für unvernünftig erklärt.
Noch einmal Paul Feyerabend:

Ich habe bereits den Irrtum und die Täuschung zu enthüllen versucht, die hinter der Rede von der 'Objektivität einer rationalen Diskussion' verborgen sind: die Maßstäbe einer solchen Diskussion sind nicht 'objektiv', sie sehen nur 'objektiv' aus, weil die Gruppe nicht erwähnt wird, die aus der Verwendung der Maßstäbe profitiert. Die Maßstäbe gleichen den Anweisungen eines klugen Tyrannen, der, statt im Namen seiner eigenen Wünsche oder im Namen seiner Wünsche und der Wünsche seiner Frau zu sprechen, auf das Gemeinwohl, auf die Götter oder einfach auf die Vernunft verweist und so dem Zwang seines Heeres den Zwang allgemeiner Vorurteile hinzufügt.

Und zum Schluß ein Wort über Wahrheitsverkünder und möchtegernobjektive Rationalisten (noch aus Erkenntnis für freie Menschen):

Ein unvoreingenommener Mensch fragt sich, wen man wohl mehr verachten muß, den stolzen Diktator, der seine Gegner einfach umbringt, oder den zuckermäuligen Rationalisten, der sich in ihr Vertrauen einschleicht und ihre Seele tötet. Und er wird sich weiter fragen, ob einige der sogenannten Großen der Menschheit, ob Menschen wie Platon, Christus, Kant, Marx, Luther nicht zu den größten Verbrechern der Geschichte gezählt werden sollten mit einem Bienenschwarm von unbedeutenden Ganoven als Nachfolgern (es liegt anders mit Aristophanes, Erasmus, Voltaire, Lessing, Heine, Bob Hope).

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un europeo fuori dal coro.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: ein unangepaßter Europäer.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un Européen hors du troupeau.

 

www.toscanaccio.eu