Blutiger Sonntagmorgen in der Toscana am 11.11.07


Die Photographie ist vom 20. Juli 2001, als anläßlich des G-8-Gipfeltreffens in Genua ein Carabiniere aus Kalabrien einen einheimischen Demonstranten, Carlo Giuliani, erschoß.Genua 20.07.01 Die uniformierten und staatlich besoldeten Schlägerbanden wüteten damals nicht nur tagsüber in den Straßen Genuas, sondern überfielen dann in der Nacht sogar ein Schulgebäude, das die Stadtverwaltung den Demonstranten zur Verfügung gestellt hatte, mißhandelten mit Knüppeln und Fußtritten die Schlafenden, und "stellten Beweismaterial terroristischer Aktivitäten sicher", nämlich die Molotowcocktails, die sie selbst eigens zu diesem Zweck hergestellt und mitgebracht hatten.
Aus dieser knappen Zusammenfassung ergeben sich schon drei wesentliche Merkmale der staatlichen (Un)Ordnungshüter Italiens: die rohe Brutalität / die systematische Lügenhaftigkeit / die dem jeweiligen Einsatzort fremde Abstammung. Ich vertrete nämlich die sowohl im linken als auch im rechten Lager verpönte Meinung, daß selbst die rohesten uniformierten Schläger ihre Brutalität mäßigen würden, wenn sie in ihrer eigenen Heimat zum Einsatz kämen. Freilich ist das G-8-Treffen ein Ereignis, zu dem sowohl die Teilnehmer als auch die Demonstranten aus aller Welt anreisen, so daß ein Einsatz von einheimischen Polizisten allein schwer vorstellbar ist.
Aber nun zum aktuellen Ereignis.
Am Sonntag, den 11.11.07, hat ein Polizist auf einer Autobahnraststätte bei Arezzo einen Autofahrer erschossen, der in seinem geparkten Wagen saß, während seine Mitfahrer ausgestiegen waren. Sie kamen aus Rom und wollten nach Mailand, wo Lazio gegen Inter spielen sollte. Aus der zufälligen Begegnung mit Anhängern von Juventus, die nach Parma fuhren, ergaben sich Sprechchöre, Beschimpfungen, vielleicht auch Handgreiflichkeiten. Der Polizist beobachtete das Geschehen aus der Raststätte gegenüber, jenseits der Autobahn, und griff ein, indem er über die Fahrbahn hinweg (!) seine Schüsse abfeuerte.
Der Polizeipräsident von Arezzo schwor vor den Kameras Stein und Bein, daß der tödliche Schuß ein tragischer Zufall gewesen sei; aber natürlich gibt es an einem Sonntagmorgen auf einer Autobahnraststätte Augenzeugen, und die berichten einstimmig, daß der Schutze gezielt habe... Ich erwähnte bereits die drei Hauptmerkmale der italienischen Staatspolizei: rohe Brutalität, Lügenhaftigkeit, Besatzerarroganz. Wurde auch letztere in diesem Fall bestätigt?
Urteilen Sie selbst. Kein einziger Polizeipräsident, kein einziger staatlicher Polizist ist in der Toscana einheimisch. Meistens stammen sie aus fernen Landstrichen, in denen jungen Draufgängern nicht viel mehr zur Auswahl steht, als in den Dienst der Mafia oder in den des Staates zu treten: sie dienen diesem dann auch nicht zurückhaltender und feinfühliger, als sie jener dienen würden. Sie werden grundsätzlich versetzt, weil der italienische Staat aus Mißtrauen keinen Schutzmann in seiner Heimat beläßt, und bringen ins Einsatzland ihr Draufgängertum, ihren Neid aus Minderwertigkeitsgefühl, und die typische Arroganz aller fremden Besatzungen.
Im Sommer 2001 machte die öffentliche Meinung in aller Welt Silvio Berlusconi für das Blut verantwortlich, das beim G-8-Gipfeltreffen in Genua floß, und maß somit jener Lachfigur zuviel geschichtliche Bedeutung bei. Heute regiert die Linke hochselbst, und das macht die kriminelle Arroganz der Staatsschergen kein bißchen erträglicher. Der italienische Staat ist falsch in seinen Grundfesten, in seinem innersten Wesen, nicht nur in seiner jeweiligen Erscheinung: ein Regierungswechsel hilft da so viel, wie ein neuer Verputz einem schiefen Haus.
Und das war also ein ganz normaler Sonntagmorgen in der Toscana.
Am Nachmittag und Abend kam es dann zu gewalttätigen Ausschreitungen von Fußballfans in Bergamo, Mailand und Rom — gefundenes Fressen für den Voyeurismus der Medien. Der Polizeimord vom Vormittag in der Toscana geriet in den Hintergrund. Experten und Politiker wurden wieder einmal eingeladen, über verkommenden Fußball, nicht etwa über die Fäulnis eines Staatsgebildes zu debattieren.
Ich bin aber so unverschämt, für mich wie für jeden anderen Menschen das Recht zu beanspruchen, im eigenen, friedlichen Land keine Besatzung zu haben: am besten gar keine, und wenn schon, dann wenigstens einheimisch.
Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un europeo fuori dal coro.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: ein unangepaßter Europäer.

Marco Bucciarelli, il toscanaccio: un Européen hors du troupeau.

 

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